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zu islamischen Themen finden Sie im Verlag Eslamica.
"Die Maler von China und Rum" ist eine der bekanntesten
Lehrgeschichten von
Dschalaleddin Rumi.
Ein König hörte, so erzählt
Rumi, dass die Maler zweier Länder – China und Rum
(Byzanz) – weltberühmt seien für ihre Kunst. Beide Völker
rühmten sich: Die Chinesen sagten: „Niemand beherrscht die
Farben so wie wir.“ Die Rumi-Maler aber sagten: „Niemand
versteht Reinheit und Klarheit so wie wir.“
Der neugierig gewordene König wollte wissen, wer die
Wahrheit sprach. Er befahl, dass man zwei Räume nebeneinander
vorbereite, getrennt durch einen einfachen Trennvorhang. Die
Chinesen sollten im einen Raum arbeiten, die Rumi im anderen.
Jeder Gruppe ließ man Werkzeuge, Zeit und alles, was sie
verlangten in beliebiger Menge zukommen.
Die chinesischen Maler baten um goldene und silberne
Farben, um leuchtende Pigmente, um kostbare Mineralien. Tag
und Nacht mischten sie Farbtöne, trugen Schichten auf, bauten
Landschaften, Himmel, Vögel und Paläste. Ihr Raum wurde
erfüllt von dem Duft von Farben, von Geräusch, von
geschäftiger Kunstfertigkeit. Schritt für Schritt entstand ein
prachtvolles Wandgemälde, reich, detailverliebt und glänzend
wie ein Schatz.
Wer hineinsah, war überwältigt. Die chinesischen Maler
sagten stolz: „Sieh unsere Farben, unsere Formen. Wer kann
uns das nachmachen?“
Im anderen Raum hingegen taten die Rumi etwas Seltsames.
Sie forderten keinerlei Farben, sie baten nicht um Gold, nicht
um Pigment. Sie wollten lediglich sehr viele Lappen. Tag um
Tag polierten sie nur die Wand. Sie rieben und glätteten,
reinigten, schliffen jede Unreinheit ab, bis der Stein
spiegelnd wie ein vollkommen klares Herz wurde. Sie sagten
nichts, behaupteten nichts, sie waren still. Sie wussten:
Reinheit ist größer als Farbe.
Rumi schreibt: „Sie polierten ihre Wand wie ein Spiegel
– frei von jedem Staub der Welt.“
Als die Zeit kam, öffnete der König zuerst den Raum der
Chinesen. Die Farben leuchteten wie Gärten im Frühling. Jeder
Staubkorn schien voller Leben. Die Hofleute staunten und
lobten ihre Kunst. Doch dann ließ der König den Vorhang im
Raum der Rumi zur Seite ziehen. Und nun geschah das
Staunenswerte: Die farbenprächtigen Bilder der Chinesen
spiegelten sich in der glatten Wand der Rumi, nur noch
schöner, noch strahlender, noch leuchtender. Denn die
spiegelnde Wand verstärkte das Bild, reinigte es, ließ es wie
Licht erscheinen und übertraf die Farben selbst. Der König
erkannte: Farben sind Schönheit, doch Reinheit ist Macht.
Dschalaleddin Rumi erzählt diese Geschichte, um das
Herz
des
Menschen zu erklären. Die Chinesen stehen für Wissen,
Technik, Wissenserwerb, Bücher, Argumente, Beweise als äußere
Formen der
Religion.
Die Rumī stehen für Reinigung, innere Läuterung,
Herzarbeit, Selbstkritik, Wahrhaftigkeit und
Lobpreisverlesung [dhikr]. Ein
Herz
voller Wissen, aber ohne Reinigung, bleibt trüb. Ein
Herz
gereinigt, aber ohne Wissen, bleibt leer. Die höchste
Schönheit entsteht, wenn das Herz gereinigt ist – denn dann
spiegelt es Wissen wie
Licht
[nur].
Dschalaleddin Rumis Schlussfolgerung ist berühmt: „Der
Sufi poliert sein Herz wie einen Spiegel – und wenn Gott
hineinsieht, erscheint darin das ganze Universum.“
Rumi nutzt in der Geschichte die Wortgleichheit der
Byzantiner (Rumi) mit seinem Namen als Wortspiel.